das griechische bild göttlich-menschlichen wirkens steht in einem bemerkenswerten gegensatz zu der uns selbst vertrauten anschauung. die gottheit wirkt hier nicht von einem jenseits her ins innere des menschen, in seine auf geheimnisvolle weise mit ihr verbundene seele. sie ist eins mit der welt und kommt dem menschen aus den dingen der welt entgegen, wenn er auf dem wege ist und an ihrem bewegten leben teilnimmt. nicht durch insichgehen erfährt er von ihr, sondern durch hinausgehen, ergreifen und handeln. dem tätigen und unternehmenden stellt sie sich mit der unmittelbarsten lebendigkeit dar, sei es fördernd oder hemmend, erleuchtend oder verwirrend. sie ist es, die den entflammbaren (acc : l'homme à enflammer) aus den Augen der Schönheit mit verzehrender Glut anblickt.
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Aber dieses Innere selbst hat keine Sprache; es gerät in Erregung, aber es redet den Menschen niemals an. Es hat keine Welt für sich, es fehlt ihm gewissermaßen die Tiefendimension. Seine Welt ist das große Lebensreich draußen.
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Wenn in der alten Daseinsauffassung der innere Mensch keinen Mythos für sich hat, so bedeutet dies, daß er völlig in den Mythos von der Welt verflochten und verwoben ist zu einer einzigen geschlossenen Gestalt.
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Denn das Feingefühl, mit dem wir ihm in der Seelentiefe nachspüren, ist hier auf die Welt und ihre Gestaltungen gerichtet und vermag in ihrem Bilde die Züge des Erlebten so treulich zu erkennen, daß auch wir, die wir doch ganz anders zu denken gewohnt sind, von der Wahrheit des Geschauten ergriffen werden.
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Wer die Objektivität der altgriechischen Weltanschauung versteht, wer der Blickrichtung nach außen statt nach innen, in den Weltmythos statt in den Seelenmythos, zu folgen vermag, wird es nur folgerichtig finden, daß man hier die Erkenntnis betont und nicht den Willen oder das Gefühl. In der Welt der objektiven Gestaltungen sind Gerechtigkeit und Ehrenhaftigkeit, Bedachtsamkeit und Ebenmaß, Zartheit und Anmut nicht in erster Linie subjektive Stimmungen und persönliche Verhaltungsarten, sondern Realitäten, bleibende Gestalten des Seins, die dem Menschen in jedem bedeutenden Augenblick mit göttlicher Wesenhaftigkeit gegenübertreten können.
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(Walter Friedrich Otto : Die Götter Griechenlands)
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